zuckerwattewolkenmond - 15. Apr, 21:13

Also

man kann die Geschichte ja sehen wie man will, aber wenn dieser ganze Zauber ein paar arbeitsfreie Feiertage beschert, will ich nicht wirklich darüber meckern. Hat ja alles auch sein Gutes. Schöne Ostern! ;o)

bloedbabbler - 16. Apr, 11:33

Sehr pragmatisch...

... gedacht, meine liebe Frau zuckerwattewolkenmond. :-)
Meist landet man im Umfeld von solchen Feiertagen und daran geäußerter Kritik jedoch im Gespräch final bei: "Man möge doch auch an die Kinder denken…", denn diese "hätten doch ihren Spaß dabei" etc. pp..
Oder eben auch "freie Tage sind doch toll!". Stimmt sicher alles, liegt aber nicht an der zugrundeliegenden Doktrin von religiösen Feiertagen begründet, die sind ihrer Art nach zuerst Ausdruck von gesellschaftlichem Anspruch und eben Teil von Missionierung. Das dies inzwischen nicht mehr –bei immer mehr Nichtchristen im Land- kommentarlos hingenommen wird, ist immer auch Zeichen von sich wandelnden Machtverhältnissen. Das nur noch ein verschwindend geringer Kern der Ostern-in-die-Kirche-Geher tatsächlich–wörtlich- an die irre Geschichte glaubt, ein Teil der Bankfüller schlicht aus Folklore zur Kirche hinpilgert und der Rest es stattdessen so pragmatisch sieht wie sie, sollte nicht aus den Augen verloren werden. Das man weiterhin Menschen die mit dieser Geschichte nichts am Hut haben, eine Buße und Stille aufzwingt, erscheint dabei jedes Jahr absurder und beginnt auch langsam zu bröckeln. Ich bin da guter Dinge eventuell das Ende dieser gesetzlich geschützten Diskriminierung noch zu erleben.
Klar ist es für Kinder immer super Geschenke zu bekommen(Weihnachten) oder fleißig Eier zu sammeln und nebenbei noch weitere Geschenke zu erhalten.
Aber ich gebe zu bedenken: Dies alles ginge vermutlich auch, ohne sie mit einer dieser hanebüchenen Geschichten letztlich doch nur für doof zu verkaufen.
Wobei ich damit jetzt nicht den wunderbaren Osterbeagle meine. ;-)

Und Ihnen natürlich auch schöne freie und FEiertage.
zuckerwattewolkenmond - 16. Apr, 13:05

"Das man weiterhin Menschen die mit dieser Geschichte nichts am Hut haben, eine Buße und Stille aufzwingt"

Also davon merke ich persönlich nichts, ich mache auch zu Ostern, was ich will. Natürlich geht an Feiertagen nicht alles, wie zum Beispiel arbeiten, aber wenn die Bevölkerung dies schon als Buße betrachten sollte, nicht aus dem Hamsterrad aussteigen zu dürfen, dann stände es wirklich seeeehr schlecht. Und wem die Stille nicht paßt, der hat heutzutage genug andere Möglichkeiten, sich zu zerstreuen und abzulenken. Ich habe auch deshalb nichts gegen die Ostergeschichte, weil sie für manche Menschen eben ein Halt ist und sie diesen Halt brauchen, egal wie absurd das scheint. Es gibt ja auch Menschen, die ohne ihren Partner nicht leben könnten, was ebenfalls absurd erscheint. So lange ich nicht missioniert werde, finde ich alles ok. Und ich fühle mich von den Osterfeiertagen keinesfalls missioniert. Ich sehe das eher als großzügige Einladung ein Fest mitzufeiern, das anderen ideell wichtig ist und wenn man dies akzeptiert und weiß, wo man selbst steht, gibt es eigentlich keinen Grund, sich dagegen zu sträuben. Zumindest für mich nicht. ;o)
bloedbabbler - 16. Apr, 17:20

Mir ging es...

... bei dem von Ihnen zitierten Satz um den Karfreitag, nicht um Ostern.
Hätte ich eventuell besser klarstellen sollen. Dennoch halte ich es für eine Zumutung, wenn durch eine Religionsgemeinschaft anderen Menschen vorgeschrieben werden soll, wie sie einen Tag zu begehen haben. Nun, da ich allerdings -im Gegensatz zu Ihnen- ein veritabel schlechter, hölzerner und unleidlicher Tänzer bin, kann ich gut mit einem Tanzverbot leben - aber, dass ich an diesem Tag mein Auto nicht waschen darf, lässt mich an den Grundwerten der deutschen Gesellschaft zweifeln. :-D
Halt durch Ostergeschichte
Von mir aus kann ja auch jeder sich selbst belügen, wenn es denn dem eigenen Seelenheil förderlich ist, was ich jedoch ernsthaft bezweifle.
Ein wenig Selbsttäuschung mag zwar den Alltag hin und wieder erleichtern - ein Globuli hier, ein Pendel oder ein Packen Tarotkarten dort - wirkliche Unterstützung jenseits von einer regressiven, mittelalterlicher Weltwahrnehmung gibt das allerdings alles nicht her.
Wenn Menschen ohne ihre Haustiere oder ohne den Partner nicht leben können, dann halte ich das tatsächlich für nachvollziehbar.
Haben doch diese beide genannten Arten der Begleiter - gegenüber Religion im Allgemeinen und dem Christentum im Besonderen - den Vorteil, nachweislich existente Wesen zu sein und eben nicht dogmatisch auf einen eingebildeten, großen Freund fußen zu müssen dessen gesamte Geschichte -via Bibel- an Absurditäten kaum zu überbieten scheint.
Zu jenen Zeiten, als die Christenheit noch mehr Macht und Einfluss in der Gesellschaft hatte, wurde Abweichung und Häresie von diesem Bild auch noch stark sanktioniert und so mancher deswegen verfolgt, seiner Existenz beraubt oder schlicht (mund)tot gemacht.
Mir scheint, mit der Religion in Deutschland ist es manchmal wie mit der Wahrnehmung von Hetero - und Homosexualität im öffentlichen Raum.
Der gemeine Heterosexuelle stößt sich oft genug an sich küssenden Homosexuellen, stört sich an der Zurschaustellung von gleichgeschlechtlicher Liebe in der Öffentlichkeit. Was meist aber unbeachtet bleibt, ist -weil es völlig 'normal' scheint, die heterosexuelle Aufladung und Darbietung die uns permanent umgibt.
So sehe ich es mit Ostern und der Christenheit. Es scheint vielen einfach 'normal' diesen Feiertag zu begehen, basierend auf grotesk-schlechten und offenkundigen Dummbeutelgeschichten, weil es das ja auch jahrhundertelang war, zu Zeiten als wir einen Anteil von Christen von 98+% in Deutschland hatten und Abweichung oder gar Kritik daran drastische Strafen mit sich zog. So wie es Christen normal erscheint am Sonntag mit Glocken ihre Schafe zum Appell zu rufen wird gleichzeitig allen anderen Bürgern lautstark vermittelt wie gesetzlich verankertes Unrecht aussehen kann.
Es freut mich für sie, wenn sie religiöse Angebote nicht als Form des Missionierens ansehen und sie sich deswegen nicht sträuben müssen. Mir hingegen sträuben sich dabei leider -einfach, weil das handelnde Subjekt darin eben nicht so wertneutral und freiheitlich daherkommt, wie es tut- alle Nackenhaare.
zuckerwattewolkenmond - 16. Apr, 18:39

"Es freut mich für sie, wenn sie religiöse Angebote nicht als Form des Missionierens ansehen und sie sich deswegen nicht sträuben müssen."

Ich finde, wenn man weiß, wo man selbst steht und was man braucht, gibt es einfach kaum Grund, Angst vor fremden Glauben zu haben, außer er wird tatsächlich gewalttätig. Abwehr ist ja auch immer eine Form von Angst. Meiner Erfahrung nach wird die eigene Weltanschauung durchaus ohne größeres Missionieren respektiert, wenn man umgekehrt anderen ebenso ihre gewählte Weltanschauung und ihren Weg zugesteht.
Natürlich sind Partner oder Haustiere reale Wesen, aber es geht ja nicht um das, was da ist, sondern um die innere Überzeugung die damit verknüpft wird. Wenn jemand glaubt, ohne seinen Partner nicht leben zu können, ist das absolut unlogisch und absurd, denn jeder kann, wenn er will, ohne einen anderen überleben. Aber es ist empathisch nachvollziehbar. Und darum geht es eben: Das was Menschen brauchen oder glauben zu brauchen ist, sobald es um ideelle Dinge geht, meist völlig irrational und unlogisch, weshalb auch logische Missionierungsversuche da wenig bringen. Deshalb kann ich es ebenso empathisch nachvollziehen, wenn sich jemand an der Erlösungsgeschichte und ihrem mythischen Gehalt festhalten möchte, auch wenn diese eben, neben der geschichtlichen Realität, irrational ist und auf reinem Glauben beruht.

Von Tanzverboten und Autowaschverboten weiß ich hier übrigens überhaupt nix. Ich vermute mal, das sind Spezialitäten einiger Provinzen, aber zum Glück nicht flächendeckend. ;o)
bloedbabbler - 17. Apr, 11:19

:-)

Ich habe allerdings keine Angst vor fremdem Glauben, sondern kritisiere noch existierende Pfründe und Überbleibsel von Kirche und Religion aus alten Zeiten, die heute noch nachwirken.
Der private Glaube, so dumm ich den auch finde -und das drücke ich oben ja aus- ist eben das - Privatsache, solange er nicht zur Gefahr für den öffentlichen Raum wird.
Ich sehe diese Gefahr allerdings nicht erst dann gekommen, wenn Bomben, Terror, Mord und Totschlag regieren, sondern eben bereits bei ungleicher Rechtsauslegung für Angehörige verschiedener Glaubensrichtungen, bei der Indoktrination von Kindern oder auch dann, wenn ein vermuteter Hegemonieanspruch darüber bestimmt, wie ich meine Zeit zuzubringen habe. Hier -am Beispiel des Karfreitags, als "Stillem Feiertag" wird in meinen Augen Allgemeinrecht gebeugt -zugunsten von Partikularinteressen und das kann nicht richtig sein.

Ich gebe zu bedenken, dass ihr Ansatz -der eine Gleichrangigkeit von Weltanschauungen impliziert- durch die damit verbundene Form des Kulturrelativismus in gefährliche Wasser führen kann und teilweise heute leider schon tut.
Das ist -auch da muss ich leider wieder auf ein Beispiel zurückkommen- nicht anders, als wenn man behauptet "Evidenzbasierte Medizin" sei halt eine Art von Sicht der Dinge auf Krankheit und Gebrechen und "Geistheilung", Pendelschwingen und Zuckerkügelchen lutschen eine andere. Nein, das sind sie gerade nicht.
Das eine ist der Versuch mit der uns heute bestmöglichen Form von (natur-)wissenschaftlicher Erkenntnis Ursachen zu erkennen und zu behandeln, das andere ist eine Form von Selbstbetrug, vorwissenschaftlich und vom Erklärungsmodell aus den Zeiten als Alchemisten noch nach dem Stein des Weisen gesucht haben – oder noch älter.
So ähnlich verhält es sich auch mit einer behaupteten Gleichrangigkeit von Religionen und Weltanschauungen. Niemand der einigermaßen bei Verstand wäre, würde bsp. Faschismus als sinnvolles Herrschaftssystem ansehen, niemand den Islam mit seiner Scharia als anzustrebendes Ziel unserer Gesellschaft. Wie kann man bspw. Vertreter einer Weltanschauung, die es sich zum Ziel gesetzt hat die Hälfte der Bevölkerung von gesellschaftlicher Teilhabe auszuschließen ernsthaft als gleichberechtigten Diskussionspartner ansehen?
Wie geht man mit einer Religion und / oder Weltanschauung um, die Menschen aufgrund ihrer Sexualität wegsperrt, verfolgt oder gleich umbringt? Tolerant? Offen? Auf Augenhöhe?
Ich weiß was sie mit ihrem Anspruch meinen, fand diese Tendenz auch immer gut (deswegen schmerzt mich heute meine deutliche Abkehr davon retrospektiv immer noch ein wenig)- geht ja so ein bisschen in die Richtung von "Jeder nach seiner Façon" und alle sind zufrieden und leben glücklich bis an ihr Ende. Das dann manchmal aber auch schneller kommen kann, als man es sich wünscht, wenn man nicht auf die aufpasst und ihnen zu viele Rechte zubilligt, deren Façon eben einen partikular motivierten Allgemeinanspruch formuliert und doch nichts anderes ist, als kalkulierter Herrschaftsanspruch über andere.
Oder wie es der einzige Popper, den ich je ertragen konnte – Karl Popper- während der düsteren Zeiten 1944 schrieb:
Weniger bekannt ist das Paradox der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.


Meine Toleranz für Religion und Anspruchsdenken im öffentlichen Raum ist aufgebraucht, ich reagiere bereits bei kleinen Ansätzen davon mit Argwohn und Abwehr. Und zwar nicht, wie sie oben vermuten, aus Angst, sondern -wie ich hoffe nachvollziehbar- aus Wachsamkeit. Dazu schrieb ich ja schon was im Beitrag: Sehr witzig, Lestrade!
Nebenbei freut es mich, dass sich -wie ich finde- ein nicht unangenehmer Austausch von Gedanken und Sichtweisen entwickelt, bei dem ich sie gar nicht überzeugen will, sondern lediglich meine -zugegeben- inzwischen engen Toleranzräume und die Motivation aufzeigen möchte.
Zustimmung ist da nicht nötig. :-) :-D

Und das in ihrer Stadt die religiösen Fesseln weniger eng gestaltet sind, als in anderen Teilen des Landes stand ja auch im verlinkten Artikel zu den Karfreitagsverboten.

Man muss aber eben auch da genauer hingucken, ist wie mit dem 'freiwilligen' Tragen von Kopftüchern in einem freien Land wie der BRD - hier hat man die Wahl(wobei auch das inzwischen durch Druck der communitys und der selbsternannten Hüter der Moral in vielen Fällen nicht mehr der Fall zu sein scheint) in den Ländern in denen der Islam herrscht eben gerade nicht.
Somit verhöhnt man mit der häufig vorgetragenen Haltung "man trage das freiwillig" in meinen Augen gerade die, die sich das nicht freiwillig aussuchen können, die, die ihr Leben nicht frei gestalten können und dürfen, jene, die gezwungen werden dies zu tun.
So nutzt man die Freiheit hier zur Festigung von Unfreiheit dort.
zuckerwattewolkenmond - 17. Apr, 12:54

Ihre Fragen

und Einwände sind alle berechtigt und eben etwas, woran die Gesellschaft selbst gerade herumkaut, zumal glücklicherweise die Mehrheit nicht ins Mittelalter zurück möchte. Doch letztendlich zeigen sie nur eins: Ihre Toleranzschwelle liegt sehr viel niedriger als meine. Denn wenn ich hier sehr tolerant bin, bedeutet es nicht, daß ich keine Toleranzschwelle hätte und alles gutheißen würde. (Mein Gemaule gegen die frühsonntäglichen Kirchenglocken bleibt ungebrochen.)
Letztendlich bin ich aber der Meinung, daß sich Gewalt oder wirkliche Intoleranz weder dauerhaft mit Gewalt, noch mit Belehrungen, logischen Argumenten oder damit, daß man bei unerwünschten Feiertagen aus der Haut fährt, auflösen läßt. Letztere Möglichkeiten helfen vielleicht bei vermeindlicher Intoleranz, also einer Intoleranz, die auf andere projiziert wird, aber auch nur dann, wenn die andere Seite klug genug ist, sich nicht angegriffen zu fühlen, sondern diese Projektion diplomatisch aufzeigen kann. Ist die Übergriffigkeit und Intoleranz dagegen real, hilft nur eine völlig andere Ebene, nämlich die, auf der man bereit ist, nach den wirklichen Ursachen für entsprechend menschliches Verhalten zu suchen und nicht zu bewerten. Dabei wird man dann immer Angst finden. Jede Aggression, jede Machtphantasie, jede Intoleranz (und auch Wachsamkeit) beruht auf Angst, ob diese nun bewußt gefühlt wird oder nicht. In diesen Fällen ist sie wahrscheinlich eher verdrängt. Aber sie ist das existenzielle Gefühl, daß uns alle verbindet und ja eigentlich nichts anderes will, als unser Überleben zu sichern. Und genau an diesem Punkt, an diesem irrationalen Gefühl der Unsicherheit und Bedrohung, kann nur jede Lösung ansetzen, wie auch immer diese dann aussehen könnte. Angst läßt sich eben nicht durch Strafen oder missionarischer Logik auflösen. Ich glaube das Wichtigste wäre, daß die Menschen endlich bewußt ihre Ängste wahrnehmen und auch annehmen können, ohne sie dauernd in anderen bekämpfen zu müssen. Doch dazu muß dann auch die Gesellschaft bereit sein, ein Umfeld zu bieten, in denen menschliche Schwächen nicht abgewertet werden.
bloedbabbler - 17. Apr, 18:32

Zum Umfeld, fällt mir dann...

...passend der alte Herr Theodor Wiesengrund Adorno ein, dessen Aphorismus aus der Minima Moralia mir seit Studientagen ein freundlicher Begleiter war: Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren. Es wäre also schön, wenn man solch ein gesellschaftliches Umfeld vorfände, mir würde natürlich schon reichen, wenn der alte Königsberger Klops mit seinem kategorischen Imperativ mehr Richtlinie wäre. :-D

Wenn ich sie richtig verstehe, dann sollte man direkt an die Ursachen der Intoleranz und der Gewalt gehen, statt sich nur dargebotener Symptome der Mittelsmänner anzunehmen?
Sicherlich ein richtiger Ansatz, der aber bei gelebter Gewalt vermutlich ein eher akademischer bleiben wird. Freilich ist Prävention oder eben ein beseitigen von Ursachen notwendig zum Behuf der subjektiven Gewalt und Intoleranz auf Dauer. Es klingt mir aber ein wenig nach einer Subform vom zahnlosen Pazifismus, einem, der im Angesicht von realer Bedrohung und potentiell-existenzieller Zerstörung, auch noch bereitwillig die andere Wange hinhält. Diese Art ist spätestens nach Auschwitz eigentlich nicht mehr wirklich diskutabel.
Ich bin mir -zumindest für mich- inzwischen sicher, dass diese Form eine schöne Illusion ist. Schön, aber leider nur eine Illusion.

Und gerade wenn diese Form der Intoleranz oder der Gewalt real ist, dann muss man diese doch ganz sicher analysieren, bewerten und eben entsprechend dagegenhalten; bzw. muss man Umstände so gestalten helfen, dass diese Formen gerade nicht Fuß fassen können.
Oder verstehe ich sie da falsch?

Ich verstehe die evolutionäre Erklärung, warum uns Angst als wichtiger Faktor helfen kann, lange genug zu (über)leben um unsere Gene weiterzugeben. Die Tendenz in einem raschelnden Busch eben eher eine Raubkatze als den Wind zu vermuten - die, die an den Wind dachten und von der Raubkatze zerlegt wurden, hatten weniger Chancen ihr Erbgut weiterzugeben- ist somit wohl tatsächlich ein wichtiger Faktor für unsere Wahrnehmung der Natur.
Ich habe -wenn ich darüber tiefer nachdenke- eher Furcht davor, dass sich soziale Errungenschaften oder eine bestimmte Kulturstufe die unsere Gesellschaft inzwischen erreicht hat, sich schlicht in Gefahr befinden und eben Gefahr laufen abgeschafft oder abgeschwächt zu werden. Ich bin ja heute in der für mich traurigen Situation den bürgerlichen Staat und seine Organe zu verteidigen, obwohl ich eigentlich dachte es wäre ein logischer Schritt positiv über diesen hinaus zu kommen. Doch der Druck gegen den bürgerlichen Staat von denen, dem er bereits zu weit gegangen ist -mit seinen Freiräumen für viele-, zwingt mich dazu sich, mich an dessen Seite zu positionieren.

Was wir allerdings auch sehen -und da sind die Ängste dann auch deutlicher Träger von Verunsicherung und fehlender Bildung und mangelnder sozialer Kompetenz- sind erworbene Ängste die diametral und auch kontrafaktisch zur realen Welt stehen.
So sind die westlichen Zivilgesellschaften in den letzten Jahrzehnten, wenn nicht gar dem letzten Jahrhundert (von den Kriegen mal abgesehen) deutlich sicherer geworden. Die Fallzahlen bei Mord, Totschlag, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch sinken mehr oder minder kontinuierlich durch alle Länder. Dennoch scheint es so zu sein, wenn man sich Helikoptereltern oder Umfragen zur 'gefühlten' Sicherheitslage anschaut, als wenn das drastische Gegenteil der Fall wäre.
Wobei, wie mir von berufenem Munde kürzlich mitgeteilt wurde, ist ein Anstieg bei der Heftigkeit bei der Ausführung von Gewaltdelikten zu verzeichnen.
Trotz der sinkenden Wahrscheinlichkeit also Opfer eines Gewaltdelikts oder Opfer auf dem Schulweg oder der Autobahn zu werden ist die Angst davor größer denn je.
Eventuell ist es ja schlicht keine gute Idee von unserer Gebührenzwangsabgabe für jeden Wochentag im gottverdammten Jahr einen weiteren Tatort Krimi zu drehen!
Was fehlt noch? Neuer Tatort aus Kleinkleckersdorf - Angriff der Killerkühe?
Auch die alarmistischen Aufmacher von Presse, Funk und Fernsehen schütteln dazu sicherlich ein gerüttelt Maß an Angst in den Cocktail. Von den Sammelstellen und Echokammern der Ungebildeten bei facebook und Konsorten noch nicht mal angefangen.
Es gibt –und da habe ich wenig Zweifel- eine Zielsetzung die lautet: halte die Massen in Angst und herrsche entspannt, somit ist das eben kein bug , sondern ein feature menschlicher Gesellschaften.

Ich verstehe unser Zusammenleben immer ein wenig wie einen großen Sandkasten, in dem die Bürger als Kinder spielen und der von den Erwachsenen mit einem Auge überwacht wird.
Meistens spielen alle Kinder friedlich miteinander, wollen sie doch Spaß haben. Dann gibt es einen (oder mehrere) Rowdy(s) oder auch einfach gestörte Kinder. Die Rowdys halten sich nicht an die Regeln, prügeln oder ärgern die anderen Kinder. Solange dies nur ein oder zwei der anderen Kinder betrifft, funktioniert das Spiel der anderen noch.
Wenns aber mehr werden, zerbricht das gesamte Spiel, Ängste und der Ärger sind nun da. Von den gestörten Kindern wird fleißig in den Sandkasten uriniert oder ein dicker Haufen zwischen die Spielenden abgesetzt, man folgt nur seiner eigenen Agenda.
Nicht ganz so ärgerlich wie die Rowdys, aber auf lange Frist sicherlich auch kein Zustand den man haben möchte.
(there is) something rotten in the state of kindergarden
Deswegen greift da eben gewöhnlich einer der Erwachsenen zu und regelt das, indem der Rahmen klar abgesteckt und entsprechendes kindliches Fehlverhalten sanktioniert wird. Die Erwachsenen und der Rahmen stehen hier im Beispiel für den Staat und unsere Gesetze.

Oftmals ist Angst erworbene Angst, etwas das entsteht, wenn man Dinge zulange schleifen lässt und nicht ernst nimmt. Dann können diese zu einer gefährlichen Mischung führen, die dann bei PEGIDAS oder anderen Dummheiten landet oder früher oder später im Lager für Andersdenkende.
Gewalt ist ja häufig struktureller und eben nicht nur rein subjektiver Natur.
Herrschaftsverhältnisse manifestieren sich ja gerade oftmals auch entgegen der Absichten der Person die eine Rolle bekleidet. Sogenannte Sachzwänge, die Reduktion des Subjekts in seiner objektiven Rolle – oftmals ausführender und getriebener ohne Passion. Es braucht nicht den genialen, sadistischen Bösewicht der handelt, ein kleiner Sachverwalter und Technokrat kann das ebenso. Da klopft dann auch ein wenig die Banalität des Bösen an die Tür.
Gewalt ist somit auch, selbst wenn viele das heute nicht mehr so wahrnehmen (wollen oder können) natürlich elementarer Bestandteil unserer kapitalistischen Produktionsweise. Das gesamte Leben ist Zwängen unterworfen, die auf die Stellung des Einzelnen im Produktionsprozess zurückzuführen sind. Wir produzieren und reproduzieren diese Zwänge täglich, schon nach dem Aufstehen und dem Weg zur Arbeit. Da wir inzwischen bereits soweit integrierter Bestandteil des Prozesses sind, wird weniger physische Gewalt benötigt. Die kommt aber schnell zurück, wenn etwas die Produktionsmaschine und ihren Ablauf stört, aber das nur am Rande.
Wir leben mit vorgefundenen Überbleibseln vergangener Jahrhunderte, es überschneiden sich überlebte und neuere Formen von Herrschaft - und mit einigen dieser Artefakte werden wir hin und wieder direkt konfrontiert und sind dann erstaunt. Zum Beispiel, wenn es darum geht, das Verstümmeln von männlichen Kindern von bestimmten Religionsgemeinschaften über das Grundrecht an körperlicher Unversehrtheit zu stellen, wenn Arbeitsverträge bei kirchlichen Kapitalisten Sonderrechte zuungunsten der Arbeiter haben, wenn der Staat die Gehälter der großkopferten Kleriker zahlt oder auch, wenn uns Feiertagsregelungen aufgezwungen werden.
Alles das, was wir heute vorfinden sind ja gewöhnlich Ergebnisse von Kämpfen der Vergangenheit, Ausdruck von alter Macht und Herrschaft. Dies nun nicht einfach stillschweigend hinzunehmen, sondern den Kampf anzunehmen und Sonderrechte und Subventionen anzugehen, scheint mir notwendig. Dies hat mit einer evolutionären Angst oder einer allgemeinen German Angst erstmal nicht viel zu tun. Es ist der Versuch des Erkennens von möglichen Missständen mit der Absicht diese dann zu beheben.
Es ist ein analytischer Akt und eben gerade kein Akt von irrationaler Angst.
Es ist ein wenig so mit der Religion in Deutschland, wie mit dem Staat Deutschland und seiner Verfassung um 1800 und es bezeichnet imho das Problem recht gut, finde ich, wenn man dem alten, konservativen Sack Hegel zuhört, als er sich über Deutschlands Verfassung um 1800 ebenso auslässt und konstatiert:Die Organisation dieses Körpers, welche die deutsche Staatsverfassung heißt, hatte sich in einem ganz anderen Leben gebildet, als nachher und itzt in ihm wohnte; die Gerechtigkeit und Gewalt, die Weisheit und die Tapferkeit verflossener Zeiten, die Ehre und das Blut, das Wohlseyn und die Noth längst verwester Geschlechter und mit ihnen untergegangener Sitten und Verhältnisse, ist in den Formen dieses Körpers ausgedrückt; der Verlauff der Zeit aber und der in ihr sich entwickelnden Bildung hat das Schicksal jener Zeit, und das Leben der itzigen von einander abgeschnitten; das Gebaüde, worin jenes Schicksal haußte, wird von dem Schicksal der itzigen nicht mehr getragen, und steht [ . . . ], isolirt von dem Geiste der Welt; wenn diese Gesetze ihr altes Leben verlohren haben, so hat die itzige Lebendigkeit sich nicht in Gesetze zu fassen gewußt; [ . . . ] und das Ganze ist zerfallen, der Staat ist nicht mehr.
Wir haben auch heute noch verwesendes Fleisch vor uns, tun aber gerade so als wäre da noch ein lebendiges Wesen.

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